Das Gefecht am Dürrenberg am 20. August 1760


Müde und abgekämpft sehen sie aus, die etwa 12.000 preußischen Soldaten, die in den Nachmittagsstunden des 18. August 1760 zwischen Riesa und Oschatz gen Norden marschieren. Zahlreiche kleine Rückzugsgefechte liegen seit Ende Juli hinter ihnen, denn das Corps ist viel zu schwach, um Sachsen dauerhaft gegen die nachsetzende Reichsarmee mit ihren etwa 20.000 Soldaten halten zu können. Und dann ist da ja auch noch die Sorge um die eigenen Frauen und Kinder, denn die folgen der kämpfenden Truppe mit Planwagen oder Karren. Sie bilden den sogenannten Tross, und viele Soldaten und Offiziere wissen ihre Familie an diesem Tag in ihrer Nähe.
Kommandierender General der preußischen Truppe ist der 67 Jahre alte Johann Dietrich von Hülsen, der seit fast einem halben Jahrhundert auf preußischen Schlachtfeldern kämpft. Das Laufen fällt ihm nicht mehr so leicht wie früher, und so lässt er sich, auf einer Kanone sitzend, ein Stück ziehen. Das heutige Ziel seiner kleinen Armee ist eine schon im Vorjahr unter Prinz Heinrich, dem Bruder des preußischen Königs, ausgebaute Auffangstellung zwischen Strehla und dem Liebschützberg. Hier wollen sie auf die Reichsarmee warten, während die Planwagen und Karren weiter gen Norden ziehen. Bange Blicke der Frauen wandern immer wieder zurück zu dem Höhenzug, der manchem ihrer Männer den Tod bringen wird. Aber es nützt nichts, denn auch sie selbst sind in Gefahr, wenn sie nicht nach Torgau vorausfahren.
Am Abend trifft dann die Reichsarmee mitsamt ihrem Tross ein, auch hier ziehen die Frauen und Kinder der Soldaten und Offiziere mit in den Krieg. Auch schwangere Frauen sind mit dabei, und eine von ihnen wird etwa zwei Monate später am 27. Oktober 1760 in Schildau ein Kind zur Welt bringen: Graf August Wilhelm Anton Neidhardt von Gneisenau. In der folgenden Nacht rückt ein preußisches Bataillon in die Nähe der Stadt Oschatz bis an den Schmorkauer Weinberg, wo für die Reichsarmee Brot gebacken worden ist. Die Beute schon vor Augen, muß sich das Bataillon, als es die leuchtenden Wachtfeuer einer Kavallerie-Abteilung der Reichsarmee wahrnimmt, wieder zurückziehen.
Am 19. August herrscht gespanntes Warten. In Oschatz beraten die Generäle der Reichsarmee, wie der Angriff vorzutragen sei. Zum Entsetzen des anwesenden Bürgermeisters Johann Samuel Hoffmann, in dessen Haus die Beratungen stattfinden, fällt auch die Bemerkung, dass bei einer Niederlage der Reichsarmee diese sich über Oschatz zurückziehen werde. Er weiss, was das bedeuten kann, denn es sind in diesem Krieg schon größere sächsische Städte als Oschatz auf genau diese Weise eingeäschert worden, und die Reichsarmee ist bisher mehr durch Plündern als durch siegreiche Gefechte in Erscheinung getreten. Die Gefechtsstellung der Preußen kennt er auch, und die ist richtig gut. So gut, dass noch 250 Jahre später Offiziersschüler aus Dresden jedes Jahr hierher kommen werden, um sich das Idealbild einer Auffangstellung des 7jährigen Krieges anzusehen.
Davon ahnt Hoffmann natürlich nichts, und die Qualität der preußischen Stellung ist nicht die einzige Sorge, die Hoffmann belastet. Der kommandierende General der Reichsarmee, Friedrich Michael, Pfalzgraf von Zweibrücken-Birkenfeld, äußert in der Beratung am Abend deutlich, dass er sich mit einer größeren Anzahl Soldaten in der Nähe von Canitz postieren werde. Damit ist klar – dieser General, der als einer der bestaussehendsten Männer seiner Zeit gilt, wird erst in den Kampf eingreifen, wenn er bereits entschieden ist. Andere sollen das blutige Werk verrichten, und die Soldaten, die der 36jährige Pfalzgraf zurückhält, werden im Kampf fehlen. Die Reichsarmee bezieht ihre Position vor dem Höhenzug, der in Richtung Süden der preußischen Stellung gegenüber liegt. Direkt zwischen den beiden Armeen liegen die Dörfer Leckwitz und Clanzschwitz. Für deren Einwohner beginnt ein Alptraum. Werden ihre Häuser „nur“ geplündert, oder brennt gar das ganze Dorf ab? Für Clanzschwitz scheint es auf Grund der zentralen Lage zwischen den Fronten keinerlei Hoffnung zu geben, und Leckwitz liegt im Rückzugsbereich der Preußen. Müssen sich die Preußen zurückziehen, wird Leckwitz brennen, zieht sich die Reichsarmee zurück, kann es Oschatz treffen.
Am frühen Morgen des 20. August ist gegen 4 Uhr die Nacht für Alle zu Ende. Lautes Donnergrollen, der Kampf hat begonnen! Der Kanonendonner erschüttert die Herzen der Einwohner ebenso wie die Fenster ihrer Häuser. Die Oschatzer Bürger eilen in die Fluren vor der Stadt, um den Kampf mit anzusehen, und harren bangvoll seines ungewissen Ausganges. Die Hauptattacke der Reichsarmee wird dem General Christian Karl Prinz zu Stolberg-Gedeul aufgetragen. Seine Truppen sollen den Dürrenberg attackieren, wo sich die preußische Verteidigungsstellung befindet, die nebst dem daran stoßenden Wald sowie den Dörfern Laas und Clanzschwitz die westliche Flanke und den Rücken des General Hülsen deckt, dessen Stellung sich bis zur Elbe bei Strehla zieht.
Das Corps des Prinzen Stolberg marschiert über Schmorkau gegen den Dürrenberg. Da den Preußen wegen der Verschanzungen und der mit Artillerie wohl versehenen Batterien nicht beizukommen ist, versucht das Corps, den Liebschützberg zu umgehen und dadurch die preußische westliche Flanke zu gewinnen. Währenddessen ist ein Grenadiercorps der Reichsarmee unter General Guasco auf den Ottenberg hinaufgerückt, der dem Dürrenberg gegenüber liegt, und hat sich dort in Front gesetzt. Gleich mit Anbruch des Tages werden die preußischen Vorposten bis unter die Kanonen ihres Lagers zurück getrieben.
Morgens um 4 Uhr beginnt die Kanonade der Preußen auf ihrem westlichen Flügel gegen das Corps des Prinzen von Stolberg. Der General Guasco beantwortet diese Kanonade seinerseits vom Ottenberg aus mit einem lebhaften Feuer und erleichtert dadurch den Angriff auf die Windmühle des Liebschützberges von Westen her durch das Corps des Prinzen von Stolberg. Dieser kann trotz eines unaufhörlichen Kanonen-, Kartätschen- und Musketenfeuers die Preußen von der Windmühle vertreiben und verfolgt sie bis an den Wald.
Inzwischen kommt auch die Infanterie der Reichsarmee vom Ottenberge herunter in Richtung Clanzschwitz und wird sofort unter das vom Dürrenberg kommende Feuer der preußischen Truppen genommen. Soldaten und Offiziere der Reichsarmee erkennen in der aufkommenden Morgendämmerung, dass hier kein Sieg, sondern nur der Tod auf sie wartet. Der Frontalangriff wird bereits vor seinem eigentlichen Beginn abgebrochen, und die Infanterie zieht sich zunächst wieder zurück.
Währenddessen nimmt der Kampf um die westliche Flanke und den Rücken der Preußen seinen Lauf. Einige hundert Kroaten, acht Grenadierkompanien sowie das ungarische Infanterie-Regiment Esterhazy sind aus Richtung Liebschützberg in den Wald am Dürrenberg eingerückt und attackieren die preußischen Grenadiere. Zeitgleich geht auf Letztere eine starke Kanonade vom Liebschützberg aus nieder. Daraufhin lässt General Broun, Befehlshaber der preußischen Grenadiere, die bisher nach Süden gerichtete Front in Richtung Wald drehen und in diesen hinein marschieren, um dort die Truppen der Reichsarmee zu stellen. Dabei rücken die Preußen mit solchem Nachdruck in die Flanke der im Wald stehenden Truppenteile der Reichsarmee, dass viele von diesen niedergehauen oder gefangen genommen werden. Der Rest wirft sein Gewehr weg und flieht. Damit scheint zunächst der Rücken der Preußen wieder frei.
Inzwischen ist aber auch die unter dem Kommando des Pfalzgrafen von Zweibrücken-Birkenfeld stehende Kavallerie der Reichsarmee unter Umgehung des Liebschützberges in der Ebene von Laas eingetroffen, wo sie zunächst von der ebenfalls gerade eingetroffenen preußischen Kavallerie unter Oberst Kleist bis hinter den Liebschützberg zurück geworfen wird. Das Feuer verstummt dann morgens um 7 Uhr, und die Preußen halten nach wie vor den Dürrenberg besetzt.
Ein erneutes Vorrücken der Truppen der Reichsarmee aus Richtung Liebschützberg und Laas, unterstützt von Kanonen und Musketenfeuer der Grenadiere, drängt jedoch die Preußen dann weiter zurück gegen die Elbe. In Laas gerät Pfarrer Christian Exner in Lebensgefahr, als eine Flintenkugel durch das Sakristeifenster fliegt und seinen Kopf nur deshalb verfehlt, weil ein am Fenster liegendes Brett der Kugel eine andere Richtung gibt.
Zunächst ziehen die preußischen Truppen in Richtung Strehla, und die Dörfer Leckwitz sowie auch Kleinrügeln gehen wie befürchtet in Flammen auf. Da die Spitze der Kavallerie der Reichsarmee inzwischen bei Schöna und Sörnewitz steht, zieht der preußische General Hülsen dann ein bei Cavertitz stehendes Grenadier-Bataillon auf seine westliche Flanke und beginnt mit dem Rückzug nach Torgau. Nur drei Kanonen können nicht mitgenommen werden, sie fallen der Reichsarmee in die Hände. Diese folgt mit nur wenigen Husaren bis Schirmenitz und lässt die Preußen dann ruhig über Belgern nach Torgau ziehen, wo sie am Abend des gleichen Tages um 7 Uhr eintreffen.
Die Reichsarmee feiert in Oschatz am 21. August 1760 ihren Sieg und gibt die eigenen Verluste mit 1.500 Mann, die der preußischen Seite mit etwa 3.000 Mann an. Die preußische Seite nennt ebenfalls Zahlen. Sie gibt den eigenen Verlust mit etwa 1.000 Mann an, den der Reichsarmee mit 2.500 – 3.000 Mann. Da das Wort „Verlust“ zu dieser Zeit nicht nur die Toten, sondern auch die Verwundeten, Gefangenen und vor allem auch Desertierten meint, werden vielleicht auf beiden Seiten jeweils 100 – 200 Soldaten ihr Leben gelassen haben. Hinzu kommen die brennenden Dörfer Leckwitz und Kleinrügeln, die das Schicksal vieler sächsischer Dörfer in diesem Krieg teilen.
Clanzschwitz, das mitten im umkämpften Gebiet liegt, ausgerechnet Clanzschwitz bleibt an diesem Tag verschont. Zwar landen einige zu kurz verschossene Kanonenkugeln auch im Dorf, aber da es keinen Frontalangriff der Reichsarmee gibt, finden hier kaum Truppenbewegungen statt. Die Qualität der preußischen Stellung am Dürrenberg rettet das Dorf vor dem sicher geglaubten Untergang direkt zwischen den Fronten. Über 150 Jahre später, die Erinnerungen an diesen Tag sind längst verblasst, setzt die Gemeinde Clanzschwitz ihren gefallenen Soldaten aus dem 1. Weltkrieg ein Denkmal. Und sie setzt es nicht im Dorf, sondern auf dem Hügel, der einst das Dorf rettete und in dessen Umfeld damals zahlreiche Menschen ihr Leben lassen mussten. Ein Ort zum Gedenken.