Erinnerungen an Hans-Jürgen Pohl - Mein Rückblick auf eine über 13 Jahre währende Zusammenarbeit

 

Meißen am Sonntag, dem 13. November 2010

Hallo, lieber Herr Schmidt,

beste Grüße von „überelbsch“ aus der Nassau, konkret aus dem Krankenhaus. Die Fotos sind wirklich sehr schön. Ich habe nun versucht, einige wenige Veränderungen zu bringen. Beiliegend einige erforderliche Korrekturen zum Text und zum Bildteil und zum Textauszug Schleinitzsche Kapelle.

Es grüßt

Hans-Jürgen Pohl

 

Einen Tag später kam erneut ein Brief mit einer Ergänzung und dem Satz „Hallo, lieber Herr Schmidt, es ist furchtbar; schon wieder habe ich was vergessen!“ Beide Briefe entstanden zu einer Zeit, da wir beide längst wussten, dass er sterben wird, bald sterben wird, und sie dokumentieren, wie wichtig ihm sein letztes Heft „Aus der Geschichte der Familie von Schleinitz“ war. Die ersten Hefte gingen natürlich an Freunde, die mit Hinweisen und Ratschlägen das Projekt uneigennützig unterstützt hatten. Es dauerte auch nur einige Tage, dann klingelte das Telefon, und einer dieser Freunde fragte mich: „Stammt das Vorwort im Heft von Ihnen oder von Herrn Pohl?“ In der Tat hätten die Formulierungen im Vorwort auch von mir stammen können – aber es waren tatsächlich seine eigenen Worte, die das Geleit zu seinem letzten Heft gaben. Die Frage jedoch hallte noch lange nach, selbst heute noch, wo er schon länger nicht mehr unter uns weilt.

Ich war gerade mal ein Jahr Verleger, als ich 1997 bei der Vorbereitung der Nummer 7 des „Heimatboten“ auf die Sage „Der schöne Junker von Schleinitz“ stieß, die sich in einem Meißner Sagenbüchlein befand. Herausgeber des Büchleins war Hans-Jürgen Pohl. Er hatte nichts gegen eine Veröffentlichung, und aus diesem ersten Kontakt erwuchs dann eine Zusammenarbeit, wie man sie sich als Verleger und später dann auch Heimatforscher nur wünschen kann.

Leicht hatten wir beide es miteinander nicht immer, denn schon in unserer ersten gemeinsamen Publikation „Das Burggrafenschloss zu Meissen“ war es in jedem Absatz ein Ringen um die beste Formulierung und die treffendste Aussage. Aber es ging immer um die Sache, nicht um Eitelkeiten oder um das Beharren auf der eigenen Meinung. Ruhig, bescheiden, ehrlich, und dabei doch voller Wissen, das er bereit war zu teilen – das sind Erinnerungen an Hans-Jürgen Pohl, die bleiben werden, die prägten und die mich auch heute noch begleiten. Oft genug half auch er mir bei meinen Arbeiten, schrieb auch etwas zur Geschichte der Region oder zu Persönlichkeiten, vermittelte den Kontakt zu anderen Heimatfreunden und freute sich mit, wenn es etwas Neues gab. Und so finden sich seine Formulierungen an manchen Stellen meiner Publikationen ebenso wieder, wie es umgekehrt in seinen Arbeiten der Fall ist.

Damit sind wir wieder bei seiner letzten Publikation, dem Schleinitz-Heft. Hier lagen wir anfangs mit unseren Vorstellungen sehr weit auseinander, wohl auch deshalb, weil er schon seit vielen Jahren zu dem Thema sammelte und sich auch um die Beschriftung und Erhaltung der Grabmale in der St. Afra Kirche verdient gemacht hatte, und ich selbst andererseits seit 2009 eigene öffentliche Vorträge zur Familie von Schleinitz hielt. Keine einfache Konstellation also, und trotz des Zeitdruckes, unter dem die Arbeit am Ende entstand, konnte er nicht einmal zwei Wochen vor seinem Tod sein letztes Heft am Krankenbett glücklich in die Hände nehmen. Wäre er noch am Leben, würde das Heft wohl in einer zweiten Auflage erheblich umfangreicher vorliegen, denn es gibt inzwischen zahlreiche zusätzliche Erkenntnisse gerade zu dieser Familie. Alle seine Arbeiten bieten an vielen Stellen die Grundlage für weitere Forschungen, und überhaupt hat er selbst die Geschichte des Meißner Landes maßgeblich mit geschrieben und auch jüngere Menschen mit in seine Aktivitäten einbezogen. Heute sind viele von ihnen als seine „Erben“ nach wie vor der Geschichte und dem Denkmalschutz gewogen, und auch ich persönlich sehe mich als einen solchen Erben.

Erbe verpflichtet. Der im Juli 2010 erschienene 5. Band der Reihe „Geschichten und Sagen des Meißner Landes“ enthielt auf 44 Seiten die letzten drei „Geschichten und Sagen“, und das war der Stand bis zum Herbst 2020. Hans-Jürgen Pohl verstarb bereits wenige Monate nach dem Erscheinen des Heftes am 8. Dezember 2010, und eine Fortsetzung der Reihe war damit ausgeschlossen.

Die Zusammenarbeit zwischen Hans-Jürgen Pohl und mir beschränkte sich indes nicht nur auf die „Geschichten und Sagen“. Neben mehreren Publikationen zu geschlossenen Themenkreisen schrieb Hans-Jürgen Pohl in unregelmäßigen Abständen auch Beiträge für die von mir in den Jahren zwischen 1996 und 2008 verlegte Zeitschrift „Der Mittelsächsische Heimatbote“. Manche dieser Beiträge sind so sonst nirgendwo erschienen, und es bot sich an, diese anlässlich des 10. Todestages eines GROSSEN MEISSNERS (diese Formulierung wäre nicht der Wunsch des immer bescheidenen Hans-Jürgen Pohl gewesen – aus meiner Sicht ist sie gerade in Bezug auf die Bedeutung seiner Arbeiten für die sächsische Geschichte definitiv zutreffend) zu vereinen und sie zusammen mit einer Übersicht seiner bei mir erschienenen Publikationen an Heft 5 der „Geschichten und Sagen“ anzufügen, das somit von 44 auf 68 Seiten erweitert wurde. Dieses Heft sowie alle weiteren bei mir erschienenen Publikationen von Hans-Jürgen Pohl (sie sind alle noch bestellbar) finden Sie hier.