Die Geschichte einer Strehlaer Fabel

So hoch die Ruhmbegier erhebet,
Die die Natur den edlen Geistern gab,
Und die nach andrer Lob nur durch Verdienste strebet:
So tief setzt uns das Eigenlob herab.

Ein mehr als 250 Jahre alter Appell an die Zurückhaltung, wenn es um die Beurteilung eigener Leistungen geht ... Die vier Zeilen stehen am Beginn einer Fabel mit dem Titel: Die eitle Nachtigall. Sie hat eine interessante Entstehungsgeschichte, die uns in die Fabelwelt von Christian Fürchtegott Gellert und Johann Adolph Schlegel führt, genauer in den Winter 1746/47. Freund Gellert hatte in Leipzig gerade seine Komödie „Das Loos in der Lotterie“ beendet und wartete nun sehnsüchtig darauf, daß diese in der Zeitschrift „Neue Beyträge zum Vergnügen des Verstandes und des Witzes“ (bekannt als „Bremer Beiträge“) ihren Abdruck finden mögen.
Herausgeber dieser Zeitschrift war seinerzeit ein gewisser Nikolas Dietrich Giseke, gerade einmal 22 Jahre alt und ebenso spitzzüngig wie manch andere Mitarbeiter an dieser Zeitschrift, allen voran der auch erst 25jährige Johann Adolf Schlegel, aus Meißen stammend und dort am 18. September 1721 geboren. Schlegel saß zu dieser Zeit als Hauslehrer im Schloß Strehla, offenbar von großer Langeweile geplagt - fast alle seiner Fabeln und viele Gedichte entstanden hier in den Jahren 1746 - 1748. In einem Brief vom 17. Dezember 1746 berichtet Giseke aus Leipzig nun dem Freund, wie sich denn der Herr Gellert vor dem Druck seiner Komödie so verhalten hätte:
„In den Beiträgen ist nunmehr des Herrn Gellerts Komödie abgedruckt. Dieser alte Oheim (Gellert war damals auch erst 31 Jahre alt!! d.R.), der nachgerade kindisch wird, würde ... sich mehr Mitleiden erhalten, wenn er nicht so wunderlich wäre. Sie können nicht glauben, was er für einen Jammer gehabt hat, ehe er seine Komödie gedruckt gesehen.“ Die Redaktion der „Beyträge“ hatte der Druckerei verboten, vor Fertigstellung der Zeitschrift Exemplare der Komödie an Gellert herauszurücken. Das störte diesen offenbar wenig. Gellert schickte seinen Diener (Adam), ließ doch einige Exemplare holen, und dann ...

Und Adam läuft durch alle Gassen,
Wo sich nur Leser sehen lassen,
Und trägt, als wenn’s ein Wunder wär,
Die schöne Rarität umher.

Wer sich so aufführt, hat einen kleinen Streich durchaus verdient. Giseke jedenfalls ließ eine Nachricht des Verlegers zur Komödie, die eigentlich gesondert gedruckt werden sollte, wohl in Voraussicht auf Gellerts Verhalten absichtlich auf die letzte halbe Seite der Komödie drucken. Die Beschreibung der Reaktion des großen Fabeldichters spricht für sich:

Kaum hatte Gellert es gesehn,
So blieb sein Blut im Laufe stehn,
Es zitterten schnell seine Glieder,
Schnell fiel er auf die Erde nieder,
Schnell kam sein Hypochonder wieder.

Wenn ein Fabeldichter so einen Brief kurz vor Weihnachten erhält, fern von den Freunden sein Dasein als Hauslehrer in einer Kleinstadt fristen muß, und dann noch gebeten wird, für die Zeitschrift doch „recht fleißig“ zu sein, können ihm schon schlimme Gedanken kommen. Schlegel jedenfalls läßt sich nicht lumpen, wie Giseke bereits vier Wochen später am 19. Januar 1747 bestätigt: „...Sie werden wohl nicht zweifeln, daß mir Ihre Nachtigall (Die eitle Nachtigall, d.R.), und Ihr Gellert; Ihre Nachtigall und Krähe, und Ihr Naumann (Herausgeber einer ähnlichen Zeitschrift in Hamburg und hier ebenfalls „verewigt“, d.R.); ... so ziemlich gefallen haben. ... Wie weit ist es nun mit Gellerten gekommen! Naumann und er werden von einem Scharfrichter abgetan! Es ist gut, daß der arme Mann sein Unglück nicht weiß.“
Er hat es, und das können wir an dieser Stelle ruhigen Gewissens schon einfügen, nie erfahren. Vermutlich wußten nur Giseke und Schlegel, wer mit der eitlen Nachtigall gemeint sei, und sie waren diskret genug, den Freund - denn das war Gellert auch - nicht dem Gespött der Öffentlichkeit preiszugeben. Gellert selbst legte übrigens auf Schlegels Urteil großen Wert, und nicht umsonst war Schlegel nach dem Tode Gellerts mit der Herausgabe des Nachlasses betraut worden.
Schlegel selbst zog 1751 zunächst als Lehrer nach Schulpforta und 1754 als Pfarrer nach Zerbst, bevor er 1759 nach Hannover ging, wo er den Rest seines Lebens verbrachte und als Generalsuperintendent am 16. September 1793 starb. Seine Arbeiten sind heute fast unbekannt, aber wer ein Werk von Shakespeare in die Hand nimmt, und nach dem Namen des Übersetzers schaut, findet mit August Wilhelm Schlegel den Sohn des Fabeldichters.
Daß ihn selbst heute fast niemand mehr kennt, mag auch daran liegen, daß er sich erst fast ein Vierteljahrhundert nach ihrem Erscheinen 1769 zu seinen Fabeln als Autor bekannte. Die große Zeit der Fabeln war da schon lange vorbei, manch einer der Freunde sogar schon verstorben. Kritiker bescheinigen den Fabeln des Johann Adolf Schlegel durchaus eine ähnliche Qualität wie denen von Lessing oder Gellert. Von ihm ist ein kleines Heft bei mir bestellbar: Fabeln des Johann Adolf Schlegel.

Schegels Fabeln, entstanden in Strehla

Aus Schlegels 26 Seiten umfassender Fabel „Die Eule und die Nachtigall. Eine Verwandlung. An Herrn Giseken“ stammt der folgende Spruch, den es bei mir als limitierte Postkarte gibt:

„An allen Narren ist die Müh` schon halb verloren,
und keine sind so schlimm, wie die gelehrten Thoren.“


Der Phönix (um 1745)

Der Mann, der nach den Flitterwochen
Aus Liebe küßt und nicht aus Pflicht;
Und mit der Frau so zärtlich spricht,
Wie er sonst mit der Braut gesprochen;
Sie, wenn er Jahre hingebracht,
Nicht bloß zur Concubine macht;
Ja, wenn ihr Herbst schon näher rücket,
Sie wie in ihrem Frühling küßt;
Der ist ein Phönix, der entzücket.
Nur Schade, daß er selten ist.

Die Frau, die nach des Mannes Tode
In allem Ernst die Trauer trägt;
Ja, wenn sie sie schon abgelegt,
An ihn noch denket, trotz der Mode;
Die nicht, eh ihn der Tod entseelt,
Den neuen Freier sich gewählt;
Ja, sein Gedächtnis nicht ersticket,
Wenn sie zur Eh’ sich auch entschließt;
Die ist ein Phönix, der entzücket.
Nur Schade, daß sie selten ist!

Die Schöne, die, ein Buch zu nehmen,
Den Spiegel aus den Händen legt;
Für ihre Schönheit Sorge trägt,
Doch klug ist, ohne sich zu schämen;
Die nicht nach Schmeicheleien strebt;
Errötet, wenn man sie erhebt;
Ihr Lob in unserm Aug’ erblicket,
Doch sich vor Freuden nicht vergißt;
Die ist ein Phönix, der entzücket.
Nur Schade, daß sie selten ist!

Ein Mädchen, das nach dreizehn Jahren
Noch nicht den Vormittag verschmückt,
Noch nicht nach Mannspersonen blickt,
Noch nicht sich sehnt, mehr zu erfahren;
Das sich nicht ärgert und betrübt,
Wenn man die ältre Schwester liebt,
Daß, wenn sich diese besser schmücket,
Der beßre Putz nicht gleich verdrießt;
Die ist ein Phönix, der entzücket.
Nur Schade, daß es selten ist!

Ein Reicher, der’s so christlich meinet,
Daß er die Waisen gern erzieht,
Und, wenn er Arme weinen sieht,
Vor großem Mitleid selber weinet;
Von Menschenlieb und Großmut voll,
Da rechnet, wo er sparen soll,
Und, wenn das Elend Witwen drücket,
Die Arithmetik gern vergißt;
Der ist ein Phönix, der entzücket.
Nur Schade, daß er selten ist!

Der Hund (um 1747)

Ein Hund, der tapfer scheinen wollte,
So furchtsam er im Herzen war,
Kroch, als ein Wandersmann einst vor ihm zittern sollte,
Erst zur Verhütung der Gefahr
So plötzlich hinter seine Türe,
Als ob ein Leid ihm widerführe;
Sodann boll er aus aller Macht.
Der Wandrer ging vorbei, und gab auf ihn nicht Acht.

Unfehlbar wird er ausgelacht;
Doch wollt ich seine Brüder zählen,
die er bei unserm Pöbel hat:
So sollt es ganz gewiß mir nicht an Arbeit fehlen.
Ich weiß, ich zählte mich bald satt,
noch eh es mir geglückt, die ganz zu überzählen,
die auf die Mächtigern mit großem Lärmen schmähn.
Und alle Frechheit sich erlauben,
So bald sie sich nur sicher glauben,
Und hinter einer Türe stehn.